einsichten: Great Inagua  

 


Streifenverzierung
   
     
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

GREAT INAGUA

Land am späten Nachmittag: Eine dunkle Insel nach langen eineinhalb Stunden sonnengewärmten, haifischreichen Wassers, dass einen blaustichigen Himmel wie auf alten Postkarten wiederspiegelt. Der Flughafen an der Küste: Gottverlassen, dekoriert mit den korrodierenden Wracks zweier Propellerflugzeuge. Landung auf einer Bahn aus verfestigter Koralle. Hinter dem Horizont Grand Bahama, Abaco, Nassau, die unzähligen Inseln der Exumas, es bleibt zurück auch Long Island – warum also Great Inagua, so im Abseits? Aber manchmal muss man einem Namen hinterherreisen, und wird belohnt.

Kein Mensch weit und breit, aber ein paar Häuser südlich und eine Straße, die dorthin führt. Zu Fuß und mit dem Nötigsten mache ich mich auf den Weg.

Am Ortseingang ein Hotel, überraschend modern: Auch hier kein Mensch. Schlüssel hängen an der Rezeption bereit. Und hier erlebe ich dann noch ein Überraschung: Noch den Wortlaut einer entrüsteten Kulturkritik im Ohr, die Menschheit sei zwar in der Lage, den Mond zu erreichen, nicht aber, eine geräuschlose Wasserspülung zu bauen: Die Toilette. Vollkommen geräuschlos.

Noch immer niemand an der Rezeption. Ein kurzer Gang durch den Ort, Ziegen vor und im Polizeigebäude. Ein oder zwei Menschen, Männer in knielangen Hosen, freundlich, mit kurzen Bärten und blitzenden Zähnen. Die Küste: Felsig, der Wind streichelt das Meer. Eine Krabbe huscht hektisch über helles Gestein. Zur rechten lässt sich ein Seevogel nieder, den Kopf ebenfalls nach Westen gerichtet, der untergehenden Sonne zu. Lange bleibt er so sitzen, eine angenehme Gesellschaft. Der Passatwind spielt mit seinem Kopfschmuck.

Die Sonne schwindet, die Wolken erfreuen sich noch länger ihres Lichtes, dann wird es schnell dunkel. Auf dem Rückweg durch den Ort Kinder mit Fahrrädern, die übermütig für ein Foto posieren: Mit unbändigem Gelächter verschwinden sie in die Dunkelheit, keine ausgestreckte Hand bettelt um Dollarscheine.

Am nächsten Morgen: Aufwachen, eine Minute vor dem Ruf des Weckers, es ist sechs Uhr und bereits beinahe hell. Noch immer niemand an der Rezeption, aber nach einigem Suchen die Möglichkeit, einen Abdruck der Kreditkarte zu hinterlassen. Nachdenklich mache ich mich auf den Rückweg zum Flugplatz, bald in Gesellschaft eines jungen Hundes, der Freundlichkeit mit Anhänglichkeit dankt. Gerne wäre er wohl mitgeflogen, doch seine Vorderpfoten rutschen an der Tragfläche ab, und er findet keinen Weg hinauf und hinein.

Abschied von Great Inagua, mit einer großen Schleife über das von Salzseen durchzogene Inselinnere. Tief unten eine große Kolonie Flamingos als rosafarbener Akzent. Höhe gewinnen als Lebensversicherung für den langen Flug mit einem Motor über das Meer. Auf halber Strecke heisst es Ausschau halten nach der winzigen Insel, die als einziger Notlandeplatz genau auf der Route liegen sollte. Stimmt der Kurs? Zwischen Wolkengebirgen, die unter dem Flugzeug vorbeiziehen, blendet das Meer im Sonnenlicht. Dann, unvermittelt, taucht das Eiland auf, geradewegs unter der Flugzeugnase.

Er stimmt, der Kurs.