Am deutlichsten habe ich verstanden, was damit gemeint ist, als aufgrund unseres damaligen Streckennetzes monatlich zwei Flüge nach Australien meinen Dienstplan ausfüllten. Mit jeder Landung in Sydney oder Melbourne verkürzte sich scheinbar die Entfernung, und was zuvor noch im Kopf mit dem Begriff „Ende der Welt“ etikettiert war, wurde zum im Wochenrhythmus angesteuerten Aufenthaltsort. Eine Zeit lang dann flog ich bis zu fünfmal im Monat die Strecke Wien - Kuala Lumpur und nach achtzehn Stunden Aufenthalt auf gleicher Route wieder zurück. Und da die Abflugzeiten so lagen, dass vor allem im Winterhalbjahr nur drei oder vier Stunden des Fluges von Tageslicht erhellt waren, blieben auch die überquerten Länder und Landschaften, blieb Persien, Indien, der Golf von Bengalen, die Küste Sumatras im Dunkel – ganz abgesehen von den Menschen dort und ihren Lebensumständen. Nur abstrakte Punkte auf der Route, angedeutete Konturen auf der Karte.
Kann mir jemand verdenken, dass das Bewusstsein dafür, auf einem anderen Kontinent zu sein, dabei fast verloren ging? Die Hauptstadt Malaysias, in ihrem Zentrum ohnehin weitgehend globalisiert, in direkter Nachbarschaft zu Wien. Oder entspricht diese Sicht der Dinge auf gewisse Weise vielleicht sogar der Wirklichkeit? Ist eine Entfernung nur deshalb groß, weil man sie selten zurücklegt? Und brauchen wir angesichts der Herausforderungen der Zukunft nicht gerade die Erkenntnis, dass nichts auf unserem Planeten weit genug entfernt ist, um uns nicht etwas anzugehen? Was sollte uns das sagen?
Vielleicht zumindest, dass wir eben immer nur ein Modell der Welt mit uns herumtragen. Jeder ein eigenes. Vielleicht, dass, wenn schon unsere Wahrnehmung einer so einfach messbaren Sache wie der geographischen Distanzen derart verzerrt ist, wir noch viel stärkere Subjektivität bei der Einschätzung so ziemlich aller anderer Dinge annehmen können. Wahrscheinlich auch, dass wir den Wahrnehmungen anderer, die auf unterschiedlichen „Fortbewegungsarten“, Geschwindigkeiten und Erfahrungen beruhen, Respekt entgegenbringen sollten. Und ganz sicher, dass wir unserem eigenen Urteil immer mit einem gewissen Misstrauen begegnen und dem Drang, alles gleich zu bewerten, gelegentlich widerstehen sollten.
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Regenschauer im Anflug auf Kuala Lumpur,
Malaysia
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