|
Am Tag und zur Stunde der teilweisen Sonnenfinsternis, als wir im von Wolken und Mond verdunkelten Nachmittagslicht den Gletscherbruch oberhalb des ersten Lagers erkundeten, lernten wir den Berg von seiner anderen Seite kennen, halfen beim Abtransport eines an Höhenkrankheit verstorbenen Bergsteigers durch das steile Gelände. Anderntags wurde ein weiterer Verletzter von einem Hubschrauber abgeholt. Am Gipfelgrat starb eine Bergsteigerin an Erschöpfung. Und bei einer Eingehtour verlor ich, eigentlich schon am Ende einer heiklen Querung angelangt, den Tritt auf einem steilen Schneefeld, und war reichlich froh, nach etwa 50 Metern mit Eispickel und Steigeisen wieder Halt zu finden. Mehr als die aufgeschürften Arme und der Knöchel, der noch mehrere Monate lang schmerzen sollte, machte mir die psychische Seite des Erlebnisses zu schaffen. Darüber hinweg halfen vor allem auch der Zuspruch und die fürsorgliche Betreuung der anderen Bergsteiger im Basislager.
Ansonsten lief alles nach Plan: Als kleine, bewegliche Zweierseilschaft trugen wir Zelte, Ausrüstung und Verpflegung den Berg hinauf, ächzten unter dem Gewicht, waren dennoch zufrieden mit Geschwindigkeit und Kondition, vertrugen die Höhe gut, wagten uns weiter hinauf. An den Lagerplätzen genossen wir die Weite der Aussicht, verbrachten für die Höhenanpassung wichtige untätige Stunden in der Sonne, schufteten aber auch bis zur Erschöpfung und suchten in der Enge des Zeltes nach Schlaf.
An einem warmen Tag brachen wir auf zum letzten Lager, stiegen hinauf auf 6100 Meter Höhe. Zwei bunte, langfiedrige, papageienartige Vögel zogen an uns vorbei gen Norden wie eine Halluzination. Lange dauerte es, bis das Zelt sturmsicher verspannt war, der blaue Himmel eingefasst von Quellwolken, aus denen gelegentlich vorbei treibende Schneeflocken fielen. Am nächsten Morgen sollte es hinauf gehen zum Gipfel.
Doch Helli, mein konditionell bestens vorbereiteter, technisch perfekter Seilpartner, machte sein schon seit Wochen missgelaunter Magen zunehmend Probleme. Am Morgen war der Gipfel nicht mehr Thema, stattdessen ging es zurück ins Lager 2, und bis ich so weit war, allein einen Aufstieg zu starten, war die Zeit weit fortgeschritten. Warten auf den nächsten Tag.
Um drei Uhr morgens sollte es losgehen, ich schlief nur leicht, alles war vorbereitet. Doch dann, eine halbe Stunde zuvor, erhob sich starker Wind. Und mir reichte es. Für viel mehr als vier Nächte in dieser Höhe war ich nicht ausgerüstet, ein Wetterumschwung deutete sich an, und es fehlte auch, als Folge des unglücklichen Sturzes am Anfang, das unbedingte Selbstvertrauen. Am Abend, nach langem Abstieg wieder im Lager 1 angekommen, begann es zu schneien. Wir machten uns daran, alles für die Heimreise vorzubereiten.
|