einsichten: Pik Lenin  

 


Streifenverzierung
   
     
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

PIK LENIN

In jenem Sommer gerieten am Nanga Parbat in Pakistan drei Bergsteiger in Not, zwei von ihnen konnten gerettet werden. Die Finanzkrise war noch kein allgegenwärtiger Begriff, was sich bald ändern sollte, und in Zimbabwe rang die Opposition um Einfluss im Machtgetriebe von Präsident Mugabe.

Währenddessen bereitete ich mich intensiv auf eine kleine Expedition ins Pamirgebirge, zum vergleichsweise wenig schwierigen Pik Lenin in Kirgistan, 7134 Meter hoch, vor – nach Cotopaxi und Chimborazo in Südamerika eine neue Herausforderung.


Und es gab unzählige Momente auf dieser Reise, die unvergessen bleiben werden: Die Steppen Zentralasiens, Osh an der Seidenstraße, die vierzehnstündige Fahrt ins Basislager mit einem umgebauten russischen Lastwagen, der sich bergauf in einer Wolke von Kühlwasser fortbewegte. Die Blumenwiesen zu Füßen des Berges, das letzte Licht des Tages auf Graten und Schneefeldern, die fast ausnahmslos gute Stimmung und Kameradschaft, Abendessen in Daunenjacken und Frühstück nach Neuschnee mit kurzen Ärmeln in der Sonne.


 

Am Tag und zur Stunde der teilweisen Sonnenfinsternis, als wir im von Wolken und Mond verdunkelten Nachmittagslicht den Gletscherbruch oberhalb des ersten Lagers erkundeten, lernten wir den Berg von seiner anderen Seite kennen, halfen beim Abtransport eines an Höhenkrankheit verstorbenen Bergsteigers durch das steile Gelände. Anderntags wurde ein weiterer Verletzter von einem Hubschrauber abgeholt. Am Gipfelgrat starb eine Bergsteigerin an Erschöpfung. Und bei einer Eingehtour verlor ich, eigentlich schon am Ende einer heiklen Querung angelangt, den Tritt auf einem steilen Schneefeld, und war reichlich froh, nach etwa 50 Metern mit Eispickel und Steigeisen wieder Halt zu finden. Mehr als die aufgeschürften Arme und der Knöchel, der noch mehrere Monate lang schmerzen sollte, machte mir die psychische Seite des Erlebnisses zu schaffen. Darüber hinweg halfen vor allem auch der Zuspruch und die fürsorgliche Betreuung der anderen Bergsteiger im Basislager.


Ansonsten lief alles nach Plan: Als kleine, bewegliche Zweierseilschaft trugen wir Zelte, Ausrüstung und Verpflegung den Berg hinauf, ächzten unter dem Gewicht, waren dennoch zufrieden mit Geschwindigkeit und Kondition, vertrugen die Höhe gut, wagten uns weiter hinauf. An den Lagerplätzen genossen wir die Weite der Aussicht, verbrachten für die Höhenanpassung wichtige untätige Stunden in der Sonne, schufteten aber auch bis zur Erschöpfung und suchten in der Enge des Zeltes nach Schlaf.


An einem warmen Tag brachen wir auf zum letzten Lager, stiegen hinauf auf 6100 Meter Höhe. Zwei bunte, langfiedrige, papageienartige Vögel zogen an uns vorbei gen Norden wie eine Halluzination. Lange dauerte es, bis das Zelt sturmsicher verspannt war, der blaue Himmel eingefasst von Quellwolken, aus denen gelegentlich vorbei treibende Schneeflocken fielen. Am nächsten Morgen sollte es hinauf gehen zum Gipfel.


Doch Helli, mein konditionell bestens vorbereiteter, technisch perfekter Seilpartner, machte sein schon seit Wochen missgelaunter Magen zunehmend Probleme. Am Morgen war der Gipfel nicht mehr Thema, stattdessen ging es zurück ins Lager 2, und bis ich so weit war, allein einen Aufstieg zu starten, war die Zeit weit fortgeschritten. Warten auf den nächsten Tag.
Um drei Uhr morgens sollte es losgehen, ich schlief nur leicht, alles war vorbereitet. Doch dann, eine halbe Stunde zuvor, erhob sich starker Wind. Und mir reichte es. Für viel mehr als vier Nächte in dieser Höhe war ich nicht ausgerüstet, ein Wetterumschwung deutete sich an, und es fehlte auch, als Folge des unglücklichen Sturzes am Anfang, das unbedingte Selbstvertrauen. Am Abend, nach langem Abstieg wieder im Lager 1 angekommen, begann es zu schneien. Wir machten uns daran, alles für die Heimreise vorzubereiten.



Die Wochen am Berg waren eine wunderbare Zeit, dramatischer, trauriger, bestürzend mitunter, aber auch schöner als erwartet. Der entgangene, so sehr in Reichweite gelegene Gipfel machte mir noch mehrere Monate lang zu schaffen und suchte mich in meinen Träumen heim.


Die Frage, warum Menschen im zähen und manchmal riskanten Ringen um Berggipfel Sinn und Erfüllung suchen, ist so alt wie das Bergsteigen selbst. Vielleicht wächst mit der zusehenden Regelung, Versicherung und Einriegelung des Lebens der Wunsch nach einer Konfrontation mit dem nach menschlichen Maßstäben Dauerhaften und Absoluten, das die Berge verkörpern.

Mir haben die Wochen am Pik Lenin ein wenig klarer gemacht, was für mich wichtig ist, und auf den Gipfeln hoher Berge zu stehen, spielt dabei letztlich nur eine untergeordnete Rolle. Und doch träume ich manchmal, mit offenen Augen oder im Schlaf, von erneuten Ausflügen in diese Welt…

 

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