einsichten: Ankünfte  

 


Streifenverzierung
   
     
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 

ANKÜNFTE

Unbeteiligt, aber doch irgendwie eindringlich ruft im Cockpit moderner Passagierflugzeuge eine Tonbandstimme während der letzten Sekunden vor dem Aufsetzen die Höhe über dem Boden aus - doch sieht man von dieser Hilfe ab, so sind bei einer Landung von Hand auf den letzten Metern Anzeigen, Instrumente und Elektronik nur mehr Beiwerk, und was zählt ist das Augenmaß, die Erfahrung und das Gefühl. Gerade das macht den Reiz jeder Landung aus: Etwas, das nicht nur Piloten spüren und empfinden.
Natürlich ist eine Landung ein Routinemanöver, das unter allen zulässigen Wetterbedingungen innerhalb festgelegter Grenzwerte durchgeführt werden kann. Sind die Mindestanforderungen etwa hinsichtlich Wind oder Sicht nicht erfüllt oder gibt es auch nur geringe Zweifel am positiven Ausgang, dann wird der Anflug abgebrochen und gegebenenfalls zu einem anderen Flugplatz ausgewichen. Trotzdem ist der genaue Ablauf jedesmal ein wenig anders - viele Faktoren spielen eine Rolle, und so hat jeder Anflug, jede Landung auch ein bißchen Premierencharakter.

 

Anflug auf Wien

 

 

 

Boeing 777-200 kurz vor dem Aufsetzen

Da ist zunächst einmal das Wetter - und damit vor allem der Wind. Gelandet wird idealerweise gegen den Wind, weil dann das Flugzeug - im Verhältnis zum Boden - langsamer anfliegen kann und damit einen kürzeren Bremsweg hat. In den letzten Sekunden vor dem Aufsetzen entscheidet dann der optische Eindruck, und der ist abhängig von vielen Faktoren: Von der Breite, der Neigung, sogar der Farbe des Belags der Landebahn, nicht zu vergessen sind natürlich auch Lichtverhältnisse und Sichtweite. Dann ist da noch das Flugzeug selbst: Ist es schwer, so wird durch die Masseträgheit die Geschwindigkeit langsamer abgebaut, und damit ist das Verhalten in der letzten Phase vor dem Aufsetzen besser kalkulierbar - ein voll beladenes Flugzeug erleichtert eine sanfte Landung.
Was macht eine gute Landung aus? Sie sollte in einer genau definierten und gekennzeichneten Aufsetzzone stattfinden - möglichst noch in der ersten Hälfte derselben. Auf der Mittellinie sollte das Bugrad den Boden berühren sein, aber nicht vor oder gleichzeitig mit dem Hauptfahrwerk. Das Flugzeug darf nicht zu schnell sein, denn das verlängert den Bremsweg und belastet Reifen und Bremsen. Die Flugzeuglängsachse sollte möglichst genau in Richtung Landebahn ausgerichtet sein, was bei starkem Seitenwind zu einer komplexen Aufgabe werden kann. Die Liste läßt sich fortsetzen, nur einen Punkt wird man nicht finden: Eine "weiche" Landung ist nicht gefordert und unter bestimmten Umständen nicht einmal erwünscht.


 

 

Trotzdem gibt es wohl nur wenige Piloten, die nicht darum bemüht sind, die Rückkehr zur Erde möglichst angenehm zu gestalten, wenn die Bedingungen es erlauben und wichtigere Faktoren nicht beeinträchtigt werden. Schließlich, nicht zu vergessen, sind da ja noch die Passagiere. Für viele von ihnen ist die Landung, für manche auch der ganze Flug, nur dann akzeptabel, wenn keine Gefahr besteht, beim Aufsetzen in der Morgenzeitung die Zeile zu verlieren. Das trifft zwar nicht den Kern der Sache, ist aber, für den, dem sich nur den Blick zur Seite bietet, der einzige Anhaltspunkt für die Qualität seiner Beförderung. Und gerade jene Passagiere, die sich in der Luft nicht allzu wohl fühlen, werden das Bemühen um eine sanfte Rückkehr zur Erde wohl besonders zu schätzen wissen.

Anflug auf die - relativ - kurze Landebahn 34R
auf Tokios Flughafen Narita

Nicht jeder Flug kann mit einer weichen Landung enden, und wenn es mal nicht ganz so gut funktioniert, denke ich an einen einst beobachteten, mißglückten Vogelanflug: Ein stolzer Kranich schwebt mit elegant gestrecktem Hals ein, spreizt die Federn, wird langsamer, verschätzt sich - und landet wie ein nasser Sack halb auf einem verdutzten Artgenossen. Hektisch wendet er den langen Hals ein paar mal hin und her, um sich dann, in dem Versuch, so zu tun, als sei nichts geschehen, mit Inbrunst einer gründlichen Neuordnung seines ohnehin schon makellosen Gefieders zu widmen.
Ein trostreiches Bild.